Stellungnahme des Erzbischofs zum Bericht der AG Aktenanalyse
18.04.2023 |
Stephan Burger: „Es macht mich fassungslos“
Freiburg. In Freiburg ist am Dienstag (18.04.) der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“ zum früheren Umgang der Erzdiözese mit Fällen sexualisierter Gewalt veröffentlicht worden. Die Veröffentlichung fand im Rahmen einer Pressekonferenz der Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese Freiburg statt. Nach der Vorstellung des Berichts durch die Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“ äußerte sich Erzbischof Stephan Burger in einer ersten Erklärung zu den Ergebnissen des Berichts.
„Insbesondere meine beiden Vorgänger im Amt haben in der Vergangenheit, haben schon damals geltendes kirchliches Recht, das ein Eingreifen und Melden von Fällen vorsah, schlichtweg ignoriert. Es macht mich fassungslos, dass die beiden wider besseren Wissens so handeln konnten“, erklärte Stephan Burger. „Es macht mich fassungslos, weil Dr. Oskar Saier auch Kirchenrechtler war. Dr. Robert Zollitsch war langjähriger Personalverantwortlicher, wurde Erzbischof und wurde dann auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Beide wussten um die Bedeutung sowie um die rechtliche Relevanz der Thematik. Dahinter stand ein nach heutiger Sicht falsch verstandener Korpsgeist. Ein äußerliches Kirchenbild sollte aufrechterhalten werden, das jegliches Fehlverhalten weit von sich weist. Dazu kommt der Institutionenschutz, der über alles geht.“
„In der Schuld der Betroffenen“
Erzbischof Burger betonte: „Dieses Versagen der im Bericht namentlich genannten Verantwortlichen bildet gegenüber den Betroffenen einen skandalösen Tatbestand. Anstatt dem Heil der Menschen, dem Heil der Seelen zu dienen, hatten die Folgenlosigkeit auf Meldungen und Anzeigen dem Unheil weiteren Raum gegeben. Auf diese Weise haben die Verantwortlichen unserer Erzdiözese und gerade im Blick auf die Botschaft Jesu Schuld auf sich geladen. Hier wurde die Frohbotschaft Jesu eindeutig pervertiert. Als maßgebliche Verantwortliche für die Erzdiözese Freiburg stehen die Erzbischöfe in der Schuld der Betroffenen. Dem habe auch ich mich als Erzbischof zu stellen. Und als Erzbischof bitte ich die Betroffenen für dieses Versagen um Verzeihung.“
(mm)
Statement des Erzbischofs anlässlich der Veröffentlichung des Berichts der AG „Machtstrukturen und Aktenanalyse“ zum Missbrauchsgeschehen in der Erzdiözese Freiburg
Sehr geehrte Damen und Herren!
Der heute veröffentlichte Bericht der Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“ hat für unsere Erzdiözese offengelegt, wie es in der Vergangenheit zum Versagen innerhalb unserer kirchlichen Strukturen kommen konnte. Die exemplarisch dargestellten und aufgearbeiteten Fälle lassen hier nichts an Deutlichkeit und Klarheit missen.
Insbesondere meine beiden Vorgänger im Amt haben in der Vergangenheit, haben schon damals geltendes kirchliches Recht, das ein Eingreifen und Melden von Fällen vorsah, schlichtweg ignoriert. Es macht mich fassungslos, dass die beiden wider besseren Wissens so handeln konnten.Es macht mich fassungslos, weil Dr. Oskar Saier auch Kirchenrechtler war.Dr. Robert Zollitsch war langjähriger Personalverantwortlicher, wurde Erzbischof und wurde dann auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.Beide wussten um die Bedeutung sowie um die rechtliche Relevanz der Thematik.Dahinter stand ein nach heutiger Sicht falsch verstandener Korpsgeist.Ein äußerliches Kirchenbild sollte aufrechterhalten werden, das jegliches Fehlverhalten weit von sich weist.
Dazu kommt der Institutionenschutz, der über alles geht.All dies waren tragende und leitende Faktoren im Umgang mit sexuellem Missbrauch an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen.In diesem Sinne versuchten u. a. meine beiden direkten Vorgänger im erzbischöflichen Amt, die Täter soweit als möglich zu schützen, ihre Taten zu verbergen und zu vertuschen. Ein öffentliches Bekanntwerden der Missbrauchstaten sollte so weit als möglich verhindert werden.Der Blick für die Betroffenen fehlte zunächst zur Gänze. Ihr Leid, ihre Not und damit auch ihr Lebensschicksal wurden ignoriert und verdrängt. Erst spät, zu spät kamen Betroffene mehr in den Blick.
Mein besonderer Dank gilt heute vor allem den Betroffenen, die mit Mut und Tatkraft darangegangen sind und darangehen, die an ihnen geschehenen Verbrechen anzuzeigen, damit, soweit noch möglich, Täter wie Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden können.Ja, ich möchte Betroffene, die sich noch nicht gemeldet haben, ermutigen, diesen, wenn auch für sie nicht leichten Schritt, zu tun.
Ausgerechnet die Betroffenen ermöglichen es jetzt, dem Missbrauch in aller Klarheit und Härte zu begegnen, um für die Gegenwart und Zukunft zu verhindern, was in der Vergangenheit leidvoll an ihnen, an unschuldigen Personen geschah.Danke unseren Mitgliedern des Betroffenenbeirates, die sich hier in besonderer Weise einbringen und engagieren.Neben dem fehlerhaften und unprofessionellen Umgang mit den Tätern kam hinzu, die Situationen für die Betroffenen völlig zu verkennen oder die Schwere der Verbrechen nicht wahrhaben zu wollen.Es wurde auch bewusst unterlassen, strafrechtliche Schritte einzuleiten.
Dieses Versagen der im Bericht namentlich genannten Verantwortlichen bildet gegenüber den Betroffenen einen skandalösen Tatbestand. Anstatt dem Heil der Menschen, dem Heil der Seelen zu dienen, hatten die Folgenlosigkeit auf Meldungen und Anzeigen dem Unheil weiteren Raum gegeben.Auf diese Weise haben die Verantwortlichen unserer Erzdiözese und gerade im Blick auf die Botschaft Jesu Schuld auf sich geladen. Hier wurde die Frohbotschaft Jesu eindeutig pervertiert.
Als maßgebliche Verantwortliche für die Erzdiözese Freiburg stehen die Erzbischöfe in der Schuld der Betroffenen. Dem habe auch ich mich als Erzbischof zu stellen.Und als Erzbischof bitte ich die Betroffenen für dieses Versagen um Verzeihung.Ich kann nur versuchen den Betroffenen zur Seite zu stehen, in Anerkennung ihres Leids, mit Therapien, mit Unterstützungsmaßnahmen und weiteren Hilfen sowie mit Gesprächsangeboten. Und ich tue dies aus voller Überzeugung.
Als ehemaligem Offizial und jetzigem Erzbischof wurde mir schon vorgeworfen, hinsichtlich der Vorgänger selbstgerecht zu urteilen, schließlich war ich in der Vergangenheit ja auch ein Teil dieses Systems.
Die Frage wurde auch schon verschiedentlich gestellt, ob ich früher nicht ebenso gehandelt und dieselben Fehler begangen hätte. Dass ich Fehler begangen habe, steht für mich außer Frage. Dazu treibt mich die Überlegung um, ja der Zweifel an mir selbst, ob ich persönlich als Offizial und in der damaligen Unkenntnis der Fallzahlen, nicht hätte nachfragen und darauf drängen müssen, grundlegend die Befolgung des geltenden Rechts einzufordern, ungeachtet dessen, ob der Erzbischof einer solchen Intervention nachgekommen wäre.
In den vergangenen Jahren habe ich vor allem in vielen Gesprächen mit Betroffenen dazu gelernt, was Missbrauch in seiner verheerenden Wirkung bedeutet.Der Bericht belegt, dass ich Fehler gemacht habe.Der Bericht verweist darauf, dass ich als Erzbischof an einigen Stellen nicht selbstkritisch und konsequent genug Verfahrensabläufe dokumentiert oder deren Einhaltung eingefordert habe. Hier gilt für mich, in der Anwendung des geltenden Rechts künftig noch mehr Sorgfalt darauf zu verwenden.
Und ich füge hinzu: Wo mir selbst in der Vergangenheit Fehler unterlaufen sind, wo ich persönlich nach heutiger Erkenntnis bei der Anwendung der geltenden Ordnung Fehleinschätzungen erlegen bin, wo ich selbst in der Erfüllung meiner Aufgaben nicht sensibel genug in meinen Verhalten gegenüber Betroffenen war, bedauere ich dies zutiefst und bitte um Vergebung!
Wir werden aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Wir werden strukturelle Schwachstellen beseitigen. Und wir werden Aufsicht und Kontrolle der Vorgänge und Abläufe verbessern. Dabei ist der Bericht mit seiner Offenlegung und seinen Hinweisen eine unerlässliche Mahnung und Hilfe.Für mich und für alle anderen in der Erzdiözese ist es eine Frage der persönlichen Haltung, wie wir innerhalb des Systems im Lichte des Evangeliums Verantwortung überhaupt wahrnehmen können.
Hier bin ich dankbar für alle Mithilfe und konstruktive Kritik und über die Möglichkeit - bei aller systemischen Letztverantwortung - Aufgaben gemeinsam mit anderen angehen zu können.Ich danke den Herren der Arbeitsgruppe für ihre sorgfältige und professionelle Recherche, für ihre Analyse und - damit verbunden - für ihre klaren Empfehlungen am Ende des Berichtes.
Daraus gehen weitere Handlungsoptionen hervor, um unsere Arbeit optimieren zu können.Aus den dargelegten Feststellungen werde ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Erzbischöflichen Ordinariat Konsequenzen ziehen. Dazu gehört mögliche Fehlerquellen zu beseitigen sowie die nötigen Kontrollmechanismen zu überprüfen und zu verbessern.
Was die Übernahme der Verantwortung durch Erzbischof Dr. Robert Zollitsch angeht, kann ich für ihn nicht sprechen. Ich kann nur auf seine bisher in der Vergangenheit veröffentlichten Stellungnahmen verweisen, auch auf seine Stellungnahme, die er gestern auf seine Hompage gestellt hat.Ob und in welcher Form noch kirchenrechtliche Konsequenzen zu ziehen sind, obliegt der Beurteilung durch den Apostolischen Stuhl in Rom. Die notwendigen Maßnahmen dazu sind eingeleitet.
In mittlerweile vielen Gesprächen mit Betroffenen und in der Zusammenarbeit mit den Betroffenenbeiräten in unserer Erzdiözese wie auch auf der Ebene der DBK konnte ich lernen und erahnen, was es bedeutet, nach erlittenem Missbrauch mit dieser zerstörerischen Macht, sein Leben gestalten und damit umgehen zu müssen.
Nicht umsonst gilt nun meine Arbeit und mein Mühen der Aufarbeitung, der Intervention und Prävention, sei es auf diözesaner Ebene wie auf der Ebene der DBK.Hier haben wir als Kirche eine bleibende, herausfordernde Aufgabe. Dies nimmt uns in die Pflicht, unsere Erkenntnisse und Erfahrungen einzubringen und daraus zu lernen, auch für Betroffene in anderen gesellschaftliche Kontexten.Es geht darum, bestmöglich Missbrauch zu verhindern.
Aufarbeitung, Anerkennung des Leids, Intervention und Prävention bilden auch für die Zukunft maßgebliche und wichtige Aufgabenfelder. Hier bleiben wir als Kirche gefordert!Im Bewusstsein, nur mit vielen anderen diese Aufgabe in unseren verschiedenen kirchlichen Bereichen angehen zu können, und in der Wahrnehmung unserer jeweiligen Verantwortung, danke ich all jenen, die sich bisher in Aufarbeitung, Intervention und Prävention engagiert haben und engagieren!
Nicht unerwähnt lassen möchte ich dabei die Arbeit in den verschiedenen Themenbereichen der ursprünglichen Kommission „Macht und Missbrauch“.Aus dieser ersten Kommission ist ja die Arbeitsgruppe „Machtstrukturen und Aktenanalyse“ hervorgegangen. Hier wurde schon sehr schnell nach der Veröffentlichung der MHG-Studie die Arbeit aufgenommen. Der vorliegende Bericht nimmt ja auch darauf Bezug.
Und dass diese Arbeit weitergeht, nun neu aufgestellt durch die Kommission nach den Richtlinien der Gemeinamen Erklärung von UBSKM (Unabhängig Beauftragte für sexuellen Kindesmissbrauch) und der Deutschen Bischofskonferenz, ist ein wichtiges Zeichen nach innen wie nach außen.Ein herzliches Danke allen Kommissionsmitgliedern, die sich dieser Aufgabe der weiteren Aufarbeitung stellen.
Zum Schluss meiner Ausführung möchte ich noch auf das Johannesevangelium Kapitel 8 Vers 32 verweisen, als einen für mich unerlässlichen Aspekt der gesamten Arbeit. Dort bemerkt Jesus, dass allein die Wahrheit uns freimachen wird.Um zuversichtlich die Zukunft angehen zu können, müssen wir uns der Wahrheit stellen und dazu gehört, die verstörende und die menschliche Würde missachtende Vergangenheit aktiv aufzuarbeiten, um sich neu an der Botschaft Jesu ausrichten zu können.
In einem persönlichen Brief wendet sich Erzbischof Stephan Burger an alle ehrenamtlichen wie hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Priester und Diakone sowie alle Gläubigen der Erzdiözese Freiburg.Der Brief kann hier heruntergeladen werden.